JULI 02. 2005 NEWS/AUSTRIA
Stellungnahme von der Schriftstellerin Elfriede Jelinek zur aktuellen Situation des Ernst Kirchweger Hauses:

 

Vielleicht werden im Ernst Kirchweger-Haus bald Knochen brechen, Leute im

Schwitzkasten abgeführt, Hände auf den Rücken gedreht, Springerstiefel in

Kniekehlen getreten werden. Und das alles, um Menschen einfach loszuwerden, die

glaubten, dort eine Art Asyl gefunden zu haben. Vielerlei Gruppen mit vielerlei

Anliegen, vom Wunsch nach Zuflucht und einem offenbar immer utopisch werdenden

Miteinander von vielen, die man in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit

nun nicht mehr akzeptieren zu können scheint, bis hin zu künstlerischen und

gesellschaftskritischen Vorhaben, die in diesem Zentrum realisiert werden

sollten, darunter auch ein Theaterstück von mir über die Ermordung der vier Roma

in Oberwart, haben sich dort niedergelassen. Die Stadt, meine Stadt, in der ich

aufgewachsen bin und immer noch lebe, hätte, schon aufgrund ihrer grausamen und

blutigen Geschichte der Verfolgung und Vernichtung, wie sie Hitler hier aus

Schundheften gelernt hat und wie sie danach als angewandter Terror über ganz

Europa gekommen ist, diese Stadt also hätte die Verpflichtung, solche Projekte,

wie sie das Ernst Kirchweger-Haus im ganzen, in all seinen Facetten darstellt

(und es ist ein lange gewachsenes Biotop, das da entstanden ist, es haben

Menschen jahrzehntelang daran gearbeitet, daß diese Vielfalt entstehen und sich

zu einem Begegnungsraum von allen möglichen Vielfältigkeiten entwickeln konnte),

mit aller Kraft und mit allen Mitteln zu unterstützen. Anstatt zuzusehen, wie

Leute ˆ möglicherweise mit Gewalt, aber das will ich mir gar nicht vorstellen

müssen ˆ einfach rausgeschmissen und, ja, vertrieben werden, die glaubten,

endlich eine sichere Bleibe gefunden zu haben, hätte die Stadt hier ihre Pflicht

als Stadt zu erfüllen: Heimstätte zu sein, auch für heterogene Menschengruppen,

die sie zusammenführen muß. Das ist die Aufgabe der, jeder Stadt. Die

Sicherheit, auch die von Heimstätten, ist fast immer nur Schein, aber mit diesem

Schein müssen sehr viele Existenzen, die sich am Rand befinden, schon gefährdet

sind, zufriedengeben, weil sie echte Sicherheit ja doch nie finden können im

neuen Europa, das gleichzeitig diese Sicherheit vorgaukelt, das aber andrerseits

ein Europa der Ungesicherten, der Wanderer ist. Aber in diesem Fall trifft es

mich besonders, also nicht nur, weil ich, zusammen mit Michael Scharang und

Peter Turrini, dieses Haus als Begegnungszentrum der KPÖ faktisch als

³Bittleiher" abgerungen habe, sondern weil, nachdem die KPÖ dieses Haus unter

Umständen verkauft hat, über die ich mich nicht äußern will (aber allein die

Vorstellung, daß rechte Schlägerbanden, wie sie immer wieder dort auftauchen,

von der einen Seite und die Wiener Polizei von der andren dort Asylanten und

andre Schutzsuchende hinausprügeln könnten, ist mir unerträglich), etwas

zerstört werden soll, das diese Stadt, und wäre es als Bußübung für Vergangenes,

das ja angeblich endlich vergessen werden soll, in jeder Hinsicht fördern und

unterstützen sollte, ja: müßte. Es stünde der Stadt Wien gut an, dieses Ernst

Kirchweger Haus endlich selbst zu kaufen und die Projekte, die dort entstanden

sind, nicht nur zu dulden, sondern aktiv zu fördern.

 

 

 

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